Stellen Sie sich einen Schwimmer vor, der gegen die Strömung ankämpft und dabei trotzdem schneller vorwärts kommt als seine Konkurrenten im Becken nebenan – nur weil diese noch stärker gegen ihre eigene Strömung ankämpfen. Genau das sehe ich derzeit im Technologie-Sektor: eine relative Stärke von 51,16 Prozentpunkten gegenüber dem DAX, während der Sektor selbst mit negativem Momentum kämpft. Das ist das Signal einer Verschiebung, nicht einer echten Stärke.
Deutschland sendet gemischte Signale
Schauen wir auf die makroökonomische Lage, in der Ihr Technologie-Portfolio agiert. Deutschland schrumpft – das BIP-Wachstum liegt bei minus 0,50 Prozent. Gleichzeitig zieht die Industrieproduktion mit plus 25,6 Prozent Jahr-über-Jahr unerwartet an. Das wirkt wie ein Widerspruch, und ehrlich gesagt: Das ist es auch. Aber hier liegt die Erklärung im Detail. Die Industrieproduktion reflektiert vermutlich Sondereffekte oder Basiseffekte aus dem Vorjahr, während das negative BIP-Wachstum die breite wirtschaftliche Realität abbildet – weniger Konsum, weniger Dienstleistungen, weniger Wachstum.
Für den Tech-Sektor bedeutet das: Unternehmen mit starken Exportgeschäften oder globaler Reichweite leiden weniger unter der deutschen Schwäche. Konzerne, die auf deutsche Mittelständler und deren IT-Budgets setzen, bekommen hingegen spürbar weniger Anfragen. Die Inflationsrate von 2,26 Prozent und die niedrige Arbeitslosenquote von 3,37 Prozent deuten auf einen stabilen Arbeitsmarkt hin – aber das reicht derzeit nicht aus, um die gesamtwirtschaftliche Delle zu kitten.
Relative Stärke: Besser als der Rest, aber nicht gut genug
Der Tech-Sektor outperformt den DAX messbar. Das Momentum des Sektors liegt bei 49,6 Prozent, die relative Stärke bei 51,16 Prozentpunkten. Auf den ersten Blick klingt das nach einem grünen Signal. Ich lese darin aber eine Warnung: Der Sektor verliert an Schwung, während er gleichzeitig die schwächeren Sektoren abhängt. Das ist ein fragiles Gleichgewicht. In den letzten vier Wochen fiel der DAX um 5,08 Prozent, in 13 Wochen um 2,47 Prozent – der Tech-Sektor folgte dieser Bewegung, konnte sie aber nicht wirklich entkoppeln.
Für Sie als Anleger bedeutet das: Relative Stärke ist kein Garant für absolute Gewinne. Sie sagt nur aus, dass der Patient weniger krank ist als die Nachbarn – nicht, dass er gesund wird.
Xiaomi: Bewertung trifft auf Schwung
Xiaomi (3CP) präsentiert sich mit einem KGV von 21,10 – exakt beim Sektor-Median von 21,10. Das ist fair bewertet. Die Marktkapitalisierung von 98,5 Milliarden Euro zeigt ein etabliertes, großes Geschäftsmodell. Das Unternehmen verdient 0,18 Euro pro Aktie und bringt damit solide operative Performance mit sich.
Was mir aber Sorgen macht: In vier Wochen verlor die Aktie 4,2 Prozent, in 13 Wochen sogar 10,69 Prozent. Das ist kein Rausch nach unten, aber ein stabiler Abwärts-Drift. Xiaomi ist ein Smartphone- und IoT-Spezialist mit starker asiatischer Präsenz – genau der Typ Unternehmen, das von globalen Tech-Zyklen profitiert, wenn diese positiv sind, und darunter leidet, wenn sie unsicher werden. Ohne aktuellen EPS-Revisions-Trend kann ich nicht sagen, ob Analysten die Gewinne erhöhen oder senken.
Meine Einschätzung: Xiaomi ist kein Kauf-Signal, aber auch kein Verkauf-Signal. Es ist ein Abwarten. Die Bewertung ist fair, aber der Preis-Trend ist negativ.
Micron: Halbleiter-Hoffnung mit Premium-Preis
Micron Technology (MTE) ist ein Speicherhersteller, eine zentrale Komponente für KI, Cloud und Rechenzentren. Das ist strukturell interessant. Aber schauen Sie auf die Bewertung: KGV von 38,80 – das ist fast doppelt so hoch wie der Sektor-Median von 21,10. Sie zahlen hier deutlich einen Aufschlag für das Halbleiter- und KI-Narrativ.
Einziger Lichtblick: In 13 Wochen legte Micron um 19,24 Prozent zu, während es in vier Wochen nur minus 0,32 Prozent gab. Das ist ein klarer Aufwärts-Trend. Mit einem EPS von 9,06 Euro arbeitet das Unternehmen profitabel und generiert echte Gewinne – nicht nur Hype.
Das EV/EBITDA liegt exakt beim Sektor-Median (21,01 vs. 21,01). Das ist ein gutes Zeichen: Die operative Rentabilität wird marktkorrekt bewertet, nur das KGV-Multip ist erhöht. Das spricht für einen Konzern, von dem der Markt kräftiges zukünftiges Wachstum erwartet. Das kann aufgehen, muss aber nicht.
Nebenwerte: Datenqualität ist zu schwach
TC Unterhaltungselektronik (TCU) mit einem KGV von 0,56 und EV/EBITDA von 0,67 klingt wie ein Schnäppchen – ist aber ein Warnsignal. Ein solch niedriges KGV deutet auf massive Profitabilitätsprobleme hin oder ein Unternehmen kurz vor der Insolvenz. Der 75-Prozent-Rückgang in 13 Wochen bestätigt das. Finger weg.
QBRICK (2A8) zeigt null Bewegung in vier und 13 Wochen, ein EV/EBITDA von 217,70 – über zehnmal höher als der Sektor-Median. Das ist entweder ein hochspekulatives Early-Stage-Geschäftsmodell oder ein Unternehmen, das den Markt nicht überzeugt. Ohne Umsatzwachstum und mit dieser Bewertung fehlen mir Gründe, diesen Namen anzufassen.
Was bleibt: Selektiv bleiben
Der Tech-Sektor ist nicht in einem freien Fall, aber in einem kontrollierten Abstieg. Er outperformt den DAX, weil die Alternativen schwächer sind – nicht, weil der Sektor stark wird. Ich empfehle Ihnen: Beobachten Sie Micron weiter – der 13-Wochen-Trend ist intact, die Bewertung aber gehörig angehoben. Halten Sie Xiaomi im Auge, spekulieren Sie aber nicht darauf.
Das wichtigste Monitoring-Element ist die EPS-Revision. Wenn Analysten beginnen, ihre Gewinnprognosen zu senken, wird auch die relative Stärke des Sektors brüchig. Das ist Ihr Rauschwert – beobachten Sie ihn jede Woche.