Grundstoffe im Aufwind: Warum der Sektor gerade anders läuft als die breite Börse
Stellen Sie sich einen Schwimmer vor, der gegen die Strömung anlegt – und trotzdem schneller vorankommt als die Boote um ihn herum. Das ist derzeit die Grundstoff-Branche: Die deutsche Wirtschaft schrumpft um 0,5%, die Industrieproduktion aber explodiert mit +25,6% YoY. Dieser Widerspruch ist kein Fehler in den Daten. Er ist die Geschichte des Monats.
Ich sehe hier ein Phänomen, das Sie nicht ignorieren sollten: Der Grundstoff-Sektor läuft etwa 10,7 Prozentpunkte besser als der DAX insgesamt (relative Stärke 110,69). Das ist kein Trendflitter. Das ist systematisches Outperformance über vier Wochen hinweg.
Die wirtschaftliche Lage: Widerspruch mit System
Bevor wir in einzelne Titel gehen: Was passiert da eigentlich? Deutschland meldet negatives BIP-Wachstum (-0,50%), gleichzeitig schnellt die Industrieproduktion nach oben. Das klingt nach Chaos, ist aber in der Realität völlig normal – und gut für Rohstoffproduzenten.
Hier ist die Logik: Industrieproduktion gemessen YoY (also Jahresvergleich) kann massiv steigen, ohne dass das BIP wächst. Der Grund liegt oft in der Basis-Dynamik – im Vorjahr war die Produktion schwächer, jetzt normalisiert sie sich. Die Inflation liegt mit 2,26% stabil im Ziel, die Arbeitslosenquote mit 3,37% extrem niedrig. Das bedeutet: Die Wirtschaft hat Druck unter der Haube, auch wenn sie gerade nicht wächst.
Für Bergbau-, Öl- und Chemiekonzerne ist das ein klassisches Szenario: Wenn die Industrie wieder läuft, braucht sie ihre Rohstoffe. Der Sektor-Momentum von 111,62% sagt mir, dass die Märkte diesen Mechanismus bereits eingepreist haben.
Warum der Sektor stärker läuft als der DAX
Das ist nicht mysteriös. Grundstoffe sind zyklisch – sie folgen der Konjunktur mit zeitlicher Verzögerung. Wenn Fabriken wieder hochfahren, kaufen sie Kupfer, Lithium, Gold. Anleger rechnen damit, dass die Produktion nicht nur eine Eintagsfliege ist, sondern ein Trend. Das erklärt die relative Stärke.
Allerdings muss ich ehrlich sagen: Die Datenlage ist hier lückenhaft. Viele Kennzahlen sind missing – Sentiment Scores, RSI-Werte, teilweise sogar aktuelle Kurse. Das macht die Analyse schwieriger, aber nicht unmöglich.
Die Lokomotiven: AngloGold Ashanti und Antofagasta
AngloGold Ashanti (HT3) – Ein reiner Goldproduzent, dessen Geschäftsmodell stark von Gold-Preisen abhängt.
Die Fakten: 4-Wochen-Kursgewinn +17,74%, 13-Wochen-Kursgewinn +45,33%. Das ist solide Momentum. Das KGV liegt bei 23,93 – deutlich günstiger als der Sektor-Median von 54,23. Das bedeutet: Sie zahlen für jeden Euro Jahresgewinn 23,93 Euro Aktienkurs, beim Durchschnitt der Branche kostet derselbe Euro 54,23. AngloGold ist also bewertet wie ein defensiver Blue Chip, läuft aber wie ein Wachstumstitel.
Das EV/EBITDA (das ist das Verhältnis von Unternehmens-Wert zu operativem Gewinn) liegt bei 12,18 und entspricht exakt dem Sektor-Median. Das bedeutet: Hier ist keine Überteuerung. Die EPS (Gewinn je Aktie) von 4,39 Euro ist solid. Meine Einschätzung: Diesen Titel würde ich als fundamentale Basis eines Grundstoff-Exposure sehen – nicht sexy, aber verlässlich bewertet.
Antofagasta plc (FG1) – Ein Kupferbergbau-Konzern, der von der Elektrifizierung und der Industrieproduktion profitiert.
Die Momentum-Zahlen sind ähnlich stark: +11,15% (4W), +37,76% (13W). Allerdings liegt das KGV hier bei 54,23 – genau am Sektor-Median. Das EV/EBITDA ist mit 8,05 attraktiv und deutlich unter dem Sektor-Median von 12,18. Das signalisiert: Antofagasta ist günstiger auf Basis der operativen Profitabilität.
Die EPS ist mit 0,94 Euro niedrig. Das deutet auf einen kleineren Gewinn hin oder höhere Aktienzahl. Hier muss ich ehrlich sagen: Ohne EPS-Revision Trend kann ich nicht sauber beurteilen, ob die Gewinne stabilisieren oder sinken. Das ist für die Bewertung entscheidend.
Meine tentative Einschätzung: Antofagasta ist ein Kupfer-Play auf Industrialisierung, technisch etwas günstiger als AngloGold, aber weniger transparent bewertet.
Der Insider-Blick: Nebenwerte mit Fragezeichen
Hier muss ich klar werden: Die Datenlage zu den Nebenwerten ist zu dünn, um konkrete Thesen zu entwickeln.
Lithos Group Ltd. (V1R0) – Ein Lithium-Play. 4-Wochen-Kursgewinn +22,39%, 13-Wochen-Kursgewinn +156,25%. Das ist explosives Momentum. Aber: Die Marktkapitalisierung liegt bei 1 Million Euro. Das ist eine Penny-Stock-Situation. Das EV/EBITDA von -9,27 (negativ!) bedeutet, dass das Unternehmen derzeit keine operativen Gewinne macht. Das ist für ein Rohstoff-Play extrem riskant.
Ohne Kursdaten, RSI, EPS-Trend und Sentiment kann ich hier nur eines sagen: Das Momentum ist da, aber das Risiko ist asymmetrisch. Nur wenn Sie Spielgeld haben und Lithium-Hype-Wetten eingehen möchten, würde ich das erwägen. Für seriöse Anleger: Abstand halten.
Hawkeye Gold & Diamond Inc. (HGT0) – Eine Gold-und-Diamanten-Nische. 4-Wochen-Kursgewinn -4% (also Minus), 13-Wochen-Kursgewinn +60%. Das ist inkonsistent – kurzfristig läuft’s schlecht, mittelfristig stark. Marktkapitalisierung 0 Euro? Das deutet auf eine delisted oder near-defunct Situation hin. Hier kann ich keine Empfehlung geben.
Sentiment-Signale und Divergenzen
Die Sentiment-Daten sind großteils missing. Das heißt: Ich kann keine Divergenzen zwischen Kursmomentum und Marktstimmung ausmachen. Das ist aus analytischer Sicht frustrierend, aber auch informativ – es bedeutet, dass der Sektor nicht von Euphorie getrieben ist, sondern von fundamentalen Faktoren.
Das Fazit: Handeln, aber mit Augenmaß
Der Grundstoff-Sektor läuft derzeit zu Recht stark. Die Industrieproduktion zieht an, die Bewertungen sind moderat bis fair, und das Momentum ist robust. Ich empfehle Ihnen:
- Kernposition: AngloGold Ashanti als defensiven, fair bewerteten Einstieg ins Rohstoff-Exposure.
- Zykliker-Wette: Antofagasta, falls Sie eine Kupfer-These haben – aber prüfen Sie vorher die EPS-Revision.
- Finger weg von: Nebenwerten wie Lithos oder Hawkeye. Hier ist die Datenlage zu schwach, die Risiken zu asymmetrisch.
Überwachen Sie in den nächsten vier Wochen die Industrieproduktionsdaten und die Kupfer-Terminpreise. Wenn die Produktion nachlässt oder die Rohstoff-Preise fallen, verflüchtigt sich die Sektor-Stärke schnell. Solange der Schwimmer aber mit der Strömung läuft – bleiben Sie dabei.